Über Al

von Prof. Dr. Kai Vöckler

 

Die künstlerischen Arbeiten von Peter Schrader sind immer wieder Herausforderung und Freude zugleich. Sie sind Herausforderung, da sich in ihnen ein stetiges Suchen, Tasten, Umkreisen zeigt, das seine Form in frei angelegten, fließenden Kompositionen findet, die den Betrachter auffordern, sich selbst auf die Suche zu begeben und sich dabei in dem Strudel der Figuren und Formen, der Gesten und Materialien zu verlieren.

Genau dieses Sich-Verlieren ist aber auch ein Quell der Freude, denn die ungewöhnlich schönen, an Farbe scheinbar überquellenden und von zarten wie kraftvollen Pinselstrichen zusammengehaltenen Bilder zeugen von einer besonderen Sensibilität und verführen zu einem Eintauchen in eine Bildwelt, die sich in ihrer Vielschichtigkeit immer wieder neu deuten lässt. Es sind Bilder, die den Wandel zu fassen versuchen, die sich aber nicht festlegen wollen. Oft habe ich in den mehr als dreißig Jahren, in dem ich seiner Arbeit folge, immer weder „Halt“ gerufen, ihm geraten an dieser Stelle aufzuhören, weil der Moment mir am besten erschien und eingedenk der Einsicht, dass diese Arbeitsweise immer unabgeschlossen bleiben muss, da sie sich dem Augenblick in seiner ganzen sinnlichen Fülle hingibt. Das ist die Botschaft, die Schraders Bilder für mich aussenden – dass hier und in diesem Moment alles da ist und im nächsten Moment wiederum aufs Neue sich fügt, wandelbar, aber im Wandel von einer beruhigenden Stetigkeit. Folgt man seinen Erzählungen über die Entstehungsgeschichte der Bilder, so zeigt sich ein wiederkehrendes Bearbeiten, Umformen und Neugestalten, einer Suche, die es ermöglicht, Elemente immer wieder neu miteinander zu kombinieren, sie zu vermengen, übereinanderzuschichten, wieder freizulegen und neu anzuordnen, aus einem einfachen Grund: um sich überraschen zu lassen. Und an diesen Überraschungen können wir dann teilhaben. Die Entstehungsgeschichte von „Der goldene Esel – Metamorphosen nach Ovid“ zeigt dies auf wunderbare Weise, wie zunächst das Geschenk einer Leinwand. Ende der 1980er Jahre in seiner Nacktheit und Schlichtheit belassen wird und zunächst nur eine Möglichkeit bleibt, eine offene Frage, die damit beantwortet wird, die Leinwand erst einmal mit Lack und Farbe zu bedecken, sie zuzuspachteln, um sie dann wiederum Jahre später ganz in Grau zu verhüllen: „Großes graues Bild für einen Architekten – RAL 7015 schiefergrau“ von 1999, das dann wiederum 2008 übermalt wird, mit den „Big Bubbles“, die wie Zellen im Gewebe pulsieren. Der Zufallsfund des nahezu vergessenen Pigments „Brauner Lack gelblich“ fügte dem Bild eine Schicht gemalten Goldes und weitere, freie figürliche Elemente hinzu. Jetzt scheinen die verschiedenen Bearbeitungsschichten wie von einem goldenen Licht hervorgebracht, wachsen die Formen aus dem Bild heraus und entwickeln ihre eigene körperliche Präsenz. Zugleich verkörpern sie die Möglichkeit der Veränderung, des Gestaltwechsels, der Metamorphose. Das ist das Versprechen, das uns die Bilder von Peter Schrader geben, dass es kein Ende gibt, alles in seiner Vielfältigkeit wandelbar bleibt.

Prof. Dr. Kai Vöckler ist Künstler und Urbanist in Offenbach am Main. Er ist Stiftungsprofessor für Kreativität im urbanen Kontext an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach.